Die Faszination des Unerreichbaren: Von unerfüllter Liebe, Hornsignalen und Rufen aus der Ferne

Das Herbstkonzert der Rhein-Ruhr Philharmonie trägt den Titel Magie des Hornklangs – vom Auenland zu Alpengipfeln. Die Ideen zum Programm stammen von der Dirigentin, Silke Löhr. Das folgende Interview gibt einen Einblick in die Entstehung:

Döller: Liebe Silke, du hast ein Programm zusammengestellt, das so außergewöhnlich wie in der Gegenüberstellung so verschiedener Werke überraschend ist. Wie kamst du zu dieser Programmkonzeption?

Löhr: Dieses Programm ist ein ganz persönlicher Wunsch, den ich schon lange verfolge. Mich fasziniert das Horn schon seit Kindertagen in all seinen Facetten. Ein solches – sagen wir – „Hornuniversum“ in einem Konzertprogramm zusammenzuführen, stelle ich mir für Zuhörer wie Musiker faszinierend vor. Dabei geht es nicht nur um das beeindruckende Klangspektrum des Horns, sondern vielmehr darum, welche Möglichkeiten daraus erwachsen, uns Menschen mit diesem Klang zutiefst zu berühren und mitzunehmen im Ausdruck des Unbeschreibbaren, Urmenschlichen.
Um meinen Weg zu skizzieren, der mich auch zum Horn führte, hole ich kurz aus: In meiner Familie spielte das Klavier eine große Rolle. Meine Großmutter hat sehr gut Klavier gespielt und wurde von ihrem Vater in erstaunlicher Weise gefördert, als siebtes Kind und als Mädchen durfte sie Abitur machen, was zu ihrer Zeit eine Seltenheit war. Es ging ihrem Vater darum, ihr eine sehr gute Bildung angedeihen zu lassen. Tatsächlich war sie am Klavier eine Enkelschülerin von Johannes Brahms, daran denke ich immer wieder, wenn ich Brahms dirigiere. Schade, dass ich es versäumt habe, alles, was meine Großmutter über Brahms wusste, zu erfragen. Damals hatte ich zu seiner Musik noch keinen wirklichen Zugang. Da das Klavier im Haus war, habe auch ich als Kind als Erstes Klavierunterricht bekommen.

Döller: Der Klavierunterricht war also dein erster Zugang zur Musik?

Löhr: Ja, aber es war nicht „meine große Liebe“. Mit elf Jahren aber habe ich dann meinen großen Wunsch erfüllt bekommen, Geige zu lernen, das Klavier ließ ich dafür links liegen. Aber es kam noch später ein weiteres Instrument hinzu. Bei einem Verwandtenbesuch in Berlin habe ich als Jugendliche zum ersten Mal ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Hermann Baumann als Solisten im 3. Hornkonzert von Mozart gehört. Dieses Konzert hat mich so berührt, dass ich seitdem unbedingt auch Horn lernen wollte. Mit etwa 20 Jahren habe ich mir gesagt: „Jetzt oder nie!“ und etwa 5 Jahre lang das Instrument gespielt, auch als Hornistin im Orchester und Hornquartett. Ich muss sagen, dass das Erlebnis, Teil eines Hornquartetts zu sein, eingebettet in den vielleicht wärmsten und kraftvollsten Klang, den man sich vorstellen kann, eine unfassbar beglückende Erfahrung für mich war, verbunden mit der physischen Erfahrung, dass der Klang alle Mitspieler gleichsam „trägt“. Als es dann mit dem Dirigieren immer mehr wurde, rückten Geige und Horn zwar in den Hintergrund, aber ohne diese Erfahrungen würden mir entscheidende Impulse für meine Arbeit als Musikerin fehlen.

Döller: Nun erleben wir im Programm ja nicht nur das Horn-Konzert von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein ziemlich ungewöhnliches Instrument betritt die Bühne: das Alphorn.

Löhr: Ich war schon immer eine begeisterte Bergwanderin und Bergsteigerin. Auf dem Gipfel des Mont Blanc gestanden zu haben, prägt einen fürs Leben, ebenso der Weg dorthin. Bei Wanderungen in den Alpen habe ich auch immer wieder Alphornklänge erlebt, die plötzlich und überraschend fast wie eine neue Dimension aus dem Nichts auftauchten. Da entstehen magische Momente, wenn das Alphorn sehr weit weg ist, oder wenn der Wind dreht, und man nur einzelne Fetzen einer Melodie wahrnehmen kann. Diese Erlebnisse sind mir unvergesslich und waren ungemein berührend.

Die Erhabenheit der Natur und die Ehrfurcht vor der Schöpfung werden für mich persönlich durch das Alphorn lebendig. Es verleiht der Natur eine Stimme. Die Existenz von „Etwas“ außerhalb des Menschen und unseres begrenzten Horizonts wird physisch wie psychisch erfahrbar. In vielen Kulturen werden heilige Stätten in den Bergen verehrt. Das Erleben von Alphornklängen in den Bergen ist für mich fast eine Art Gespräch mit der Schöpfung. Bei einer Konzertreise nach Japan hatte ich ein ähnliches Erlebnis beim Besteigen des Berges Fuji – in einem gänzlich anderen Kulturkreis. Dort oben gibt es ein buddhistisches Heiligtum, eine Art Tor, an das die Leute ihre Glöckchen anhängen. Wenn dann diese Glöckchen tausendfach im Wind wehen, entsteht eine Art „Unterredung“ mit dem Göttlichen – oder wie immer man dies bezeichnen will. Meine andere Oma, die wie ich auch eine begeisterte Bergsteigerin war, hat immer gesagt: „Da oben bin ich meinem Herrgott am nächsten.“ Das habe ich als Kind unmittelbar verstanden, damals vor allem in der emotionalen Dimension.

Döller: Dabei wurde das Alphorn doch ursprünglich nur als Kommunikationsinstrument eingesetzt!

Löhr: Ja, und in dieser Eigenschaft ist das Alphorn in der Lage, viele Kilometer zu überbrücken, um zwischen Berg und Tal kommunizieren zu können. Und dass der Klang des Alphorns auch auf künstlerischer Ebene dazu dienen kann, menschliche Gräben oder Distanzen zu überbrücken, und dadurch die menschliche Seele zu berühren vermag, ist naheliegend.
Um auf unser Programm zu sprechen zu kommen: Man kann die Beziehung von Johannes Brahms und Clara Schumann auch unter diesem Aspekt betrachten, denn auf der berühmten Postkarte, die Brahms an Clara Schumann zum Geburtstag sendet und auf der er DIE Alphornmelodie notiert, die später in seiner 1. Sinfonie erklingen soll, schreibt er die Zeilen: „Hoch auf’m Berg, tief im Tal, grüß’ ich Dich viel tausendmal!“. Da liegt es nahe für mich, dass Brahms durch seinen Postkartengruß die Überwindung von Ferne im Sinn hatte und gleichzeitig etwas ausdrücken wollte, das er nicht in Worte, sondern nur in Musik fassen konnte. Dahinter steht sicher eine tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit mit Clara, denn Nähe und Ferne bestimmten beider Beziehung. Leider sind viele Briefe, die sie sich geschrieben haben, von ihnen selbst vernichtet worden. Die tiefsten und bewegendsten Dinge wollten sie einzig mit dem anderen teilen. Johannes Brahms hat ja auch zahlreiche Jugendwerke vernichtet. Bestimmte Dinge wollte er einfach nicht von sich preisgeben. Wenn wir diese Briefe heute hätten, wüssten wir viel mehr darüber, was die besondere Beziehung zwischen Johannes und Clara, die ja 14 Jahre älter war, ausgemacht hat. Klar ist, dass Brahms ungemein verliebt war und sie als Künstlerin bewundert und die Nähe zu ihr sehr gesucht hat. Sie haben sich aber wohl darauf verständigt, keine offene Beziehung zu führen.

Döller: Brahms lässt uns Zuhörer glücklicherweise aber doch teilhaben an seiner sehr persönlichen Gefühlslage.

Löhr: Ja, ich formuliere es einmal ganz subjektiv: Dieses Alphornthema verleiht seiner Sehnsucht nach ihrer Liebe Ausdruck. Außerdem bettet Brahms dieses Thema in einen Klangraum, groß und erhaben. Es wirkt wie die unendliche Weite einer Landschaft, in der das Alphorn mit der Natur und dem Wanderer zu sprechen beginnt. Übertragen auf Johannes Brahms und Clara Schumann drängt sich mir die Empfindung auf, dass Brahms – vielleicht auch völlig unbewusst – die Erfüllung einer ersehnten menschlichen Liebe wie ein Abbild einer göttlichen Liebe vorkam. Und diese Liebe auf eine Landschaft zu projizieren ist ein wunderbares Bild. Und jetzt kommt das „Wunder“: Tatsächlich wird der sehnsüchtige Ruf des Alphorns in der Sinfonie von der Flöte erhört und erwidert, was in dieser, sagen wir, Reinheit oder Klarheit wahrscheinlich im echten Leben von Johannes und Clara nicht der Fall gewesen ist.
Schon häufig habe ich diesen magischen Moment der Sinfonie in Proben und Konzerten erlebt, und jedes Mal ist er anders: Auch wenn man die Stelle vorher x-mal geprobt hat, es ist unglaublich schön zu erleben, was mit einem passiert, wenn der Dialog zwischen Horn und Flöte zu einer Einheit verschmilzt. Man wird auf höchste Höhen gehoben. In diesem Moment wird man als Dirigent, Musiker oder Zuhörer zum Beobachter und zum Teil einer Vision, die förmlich durch einen hindurchfließt. Das ist es, was im besten Fall im Konzert passieren kann, und das zu erleben, hoffen wir natürlich für uns und die Zuhörer.

Döller: Brahms folgt mit diesem Zitat also einem inneren Ruf?

Löhr: Ich kann mir vorstellen, dass man als Komponist in den Kompositionsprozess so intensiv eintauchen kann, dass es sich so anfühlt, als könnte man sich die Erfüllung seiner Sehnsüchte wahrhaftig herbeikomponieren. Wir können heute fast froh sein, dass Komponisten solch‘ unerfüllten Sehnsüchte hatten, die sie sich aber durch ihre Musik erfüllen konnten – und damit auch uns Zuhörern. Auch Bruckner ist ein gutes Beispiel dafür.

Und als Antwort auf die Frage nach der absoluten Musik bei Brahms: Ich glaube nicht, dass es wirklich reine, absolute Musik gibt, da bin ich ganz bei Mahler. Immer sind es innere Vorgänge, die mitwirken an der Entstehung einer Musik. Wenn die Postkarte von Brahms nicht erhalten geblieben wäre, könnte man sich den letzten Satz vielleicht noch als absolute Musik herbeireden. Aber durch diesen konkreten Bezug ist es für mich sonnenklar, dass da ein inneres Programm oder ein innerer Wunsch hinter dieser Musik steht – es kann gut sein, auch völlig unbewusst. Und, so wie dieses Finale der 1. Sinfonie vom ersten Takt an angelegt ist, weiß man, dass darin ERFÜLLTE Sehnsucht klingt. Die Musik erinnert mich an die Hochzeitsflüge von Greifvögeln, die tagelang ihre Energie damit „verschwenden“, zweisam durch die Lüfte zu fliegen, dabei regelrechte Kunststücke vollbringen – ohne dass dies zum Überleben notwendig wäre. Aus dem gemeinsamen „Hochzeitsflug“ von Horn und Flöte entspringt für mich das berühmte Thema aus dem 4. Satz: Eine faszinierende Kombination aus Innigkeit und Wärme, dabei beschwingt und erhaben.

Döller: Die Solisten des Programms sind international bekannte Künstler. Wie ist der Kontakt zu ihnen entstanden?

Löhr: Ich bin sehr, sehr froh, dass wir mit unseren beiden Solisten einen solchen Glücksgriff getan haben! Da ist die Vorfreude aufs Musizieren umso größer, wenn man die Solopartien in so guten Händen weiß. Vielleicht ist es ja auch ganz bezeichnend, wie wir an Carlo Torlontano gekommen sind: Wir hatten ihn angeschrieben, aber seine Antwortmails sind immer unbemerkt im Spam Ordner gelandet, so dass wir dachten, das Alphornkonzert nicht spielen zu können, aber letztendlich sind wir doch zusammengekommen. Carlo ist dieses Stück so wichtig, dass er sogar aus Italien dafür anreist, das empfinde ich als große Ehre und riesiges Geschenk. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, ein Solokonzert zu spielen oder zu hören mit DEM Künstler, dem es auf den Leib geschrieben wurde? Wir bekommen die Komposition sozusagen ganz authentisch aus erster Hand präsentiert.

Die große Vorfreude gilt natürlich auch für den Solisten des Mozart Konzertes! Was für ein Geschenk, Marc Gruber, einen der renommiertesten und herausragendsten Hornisten seiner Generation, bei uns zu haben, der bereit ist, das Werk mit uns zu arbeiten, weil auch er die Begeisterung des Orchesters und unsere Liebe zur Musik spürt. Als sehr feinfühliger und versierter Solist wird uns Marc Gruber mit seiner Interpretation bezaubern.

Döller: Die Werkauswahl bezieht ja auch die Filmmusik mit ein. Manche mögen das vielleicht als Bruch empfinden. Wie stehst du dazu?

Löhr: Die Filmmusik von Bernhard Shore ist eine grandiose Komposition! Ich kann mir vorstellen, dass vielleicht sogar Wagner von seiner Leitmotivtechnik begeistert gewesen wäre. In diesem Stück hört man, wie eine Filmmusik höchsten Ansprüchen gerecht werden kann. Es ist zwar nur ein kleiner Ausschnitt, den wir in diesem Konzert spielen, aber: Wie jede andere Musik des heutigen Programmes ist auch sie Mittlerin in existenziellen Fragen, die uns Menschen bewegen. Dabei ist es egal, in welcher Sparte oder in welcher Epoche man sich bewegt. Der Komponist des Alphornkonzertes hat sich ja nachweislich durch „Lord oft he Rings“ inspirieren lassen, da ist es spannend, die Verbindung der beiden Werke durch ihre direkte Abfolge in dem Konzertprogramm entdecken zu können.

Zum Schluss möchte ich nicht unerwähnt lassen, wie froh und dankbar ich bin, dass ihr als Rhein-Ruhr Philharmonie meinen lang gehegten Wunsch mit genau dieser Programmgestaltung mittragt!